Volksgemeinschaft, soziale Mitte, Gruppendruck, Mordkonsens

 Entscheidend aber war aus der Sicht von Browning und anderen nicht Hass, sondern Gruppendruck und eine emotionale und psychische Distanz zu den Opfern. Mordbefehle lösten keine Begeisterung aus, wurden aber ausgeführt. Die meisten wagten es nicht, aus der Reihe zu tanzen, schreibt Browning: "Zu schießen fiel ihnen leichter."
Dieser neue Ansatz habe viel zum Verständnis der Abläufe beigetragen, meint NS-Experte Bajohr. Gleichwohl glaubt er nicht, dass sich die Verbrechen allein dadurch erklären lassen, dass sich Militär- oder Polizeieinheiten aufgrund von Gruppendruck in solchen Situationen eben so verhalten. "Voraussetzung dafür war, dass die Täter ihren 'Auftrag' in irgendeiner Weise nachvollziehen konnten und ihm einen Sinn beimaßen", betont Bajohr. Das aber verweise auf den Einfluss antijüdischer Propaganda und den damals verbreiteten antijüdischen Konsens, demzufolge Juden in Deutschland nicht als Teil der "Volksgemeinschaft" galten.
Zwar könne man der deutschen Gesellschaft nach heutigem Wissensstand keinen allgemeinen "Mordkonsens" unterstellen, sagt der Experte. Aber das Beispiel des Polizeibataillons 101, dessen Angehörige wie die anderer Einheiten auch aus der "sozialen Mitte" der Gesellschaft stammten, mache eben deutlich, dass Mordbefehle vor dem Hintergrund der antisemitischen Stimmung der damaligen Zeit anscheinend bereits genügten, um Taten zu begehen, die man aus eigenem Antrieb niemals begangen hätte. "Es bedurfte gar nicht eines persönlichen Mordwillens des einzelnen Täters. Das ist das eigentlich Irritierende", resümiert Bajohr.
Cover
Christopher R. Browning
Ganz normale Männer: das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen

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